Autorin von Science Fiction und Fantasy
24. Dezember 2012
Die kleine Tanne hatte sich selbst ausgesät, wie die Menschen sagten. Aber sie wusste es besser. Sie war von einem Vogel hierhergetragen worden. Jetzt stand sie mitten im Beet zwischen Rittersporn und Goldlack.
„Dieses Unkraut“, knurrte der große Mann und schaute sie furchteinflößend an.
„Papa, das Bäumchen ist hübsch. Ich will es in meinem Beet haben.“
Der Mann kratzte sich am Hinterkopf. „Momentan passt der Baum da rein, aber in ein paar Jahren ist er zu groß, dann muss er abgesägt werden.“
„Bitte, Papa, ich will ihn haben.“ Erwartungsvoll sah die Kleine ihn an.
Schließlich lächelte er, nahm den Spaten und grub die Tanne vorsichtig aus.
Ein paar Jahre später stießen ihre Zweige an die Hauswand. Die Seite war ganz verkümmert. Die Tanne fühlte sich wie ein Krüppel. Aber ohne Licht und Platz wuchsen ihre Zweige nicht. Vom Regen bekam sie nur wenig ab, deshalb kämpfte sie ums Überleben.
„Ob sie als Tannenbaum taugt?“, überlegte der Mann. Er wirkte nicht mehr ganz so groß, wie vor ein paar Jahren.
„Die ist doch nur von vorne schön. Aber ein paar Zweige könnte ich für die Vase gebrauchen.
Der Mann schnitt mit einer Schere die schönsten unteren Zweige ab. Vor Schmerz schrie die Tanne auf. Nur für Menschen war ihr Schrei lautlos.
„Ihr könnte doch nicht einfach meine Tanne kaputt machen.“ Das Mädchen war mit der Tanne um die Wette gewachsen und reichte seinem Vater bis zur Schulter. Jetzt hatte es Tränen in den Augen. „Jeder sollte doch einen Baum gepflanzt haben.“
„Einen Sohn bekommen und ein Haus gebaut“, ergänzte die Mutter.
„Das kommt später. Aber das ist mein Baum.“
„Kind, er kann hier nicht stehenbleiben.“
„Wir können ihn umsetzen. Neben dem Teich ist Platz.“
Die Eltern sahen sich um. Im Beet neben dem Teich war gerade eine Golderle eingegangen. Die Tanne hatte mit ihr gelitten, als eine Krankheit sie befiel. Aber alles gute Zureden hatte nicht geholfen. nach heftigem Kampf war sie gestorben.
„Da wollen wir die Himalaya-Zeder hinsetzen“, meinte die Mutter.
„Der Platz reicht für beide.“ Das Mädchen lief hin und markierte die beiden Stellen. Sie waren so weit auseinander, dass die Bäume lange Zeit nebeneinander wachsen konnten.
„Dann erholt sie sich vielleicht und bekommt überall Zweige“, murmelte die Mutter. Der Vater nickte. Gemeinsam mit der Tochter grub er den Baum aus. Und das Mädchen passte auf, dass er tief genug grub, damit die Hauptwurzeln unbeschädigt blieben.
Die Tanne brauchte ein paar Jahre, um den Schock des Umpflanzens zu überwinden. Doch dann wuchs und gedieh sie und streckte sich in die Höhe. Stolz überblickte sie den Garten. Die Himalaya-Zeder stand im Schatten neben ihr.
„Unsere Zeder ist wirklich ein Hingucker“, sagte die Frau und der Mann nickte.
Das störte die Tanne nicht. Das Mädchen mochte sie. In heißen Sommern oder in trockenen Wintern kam es mit einer Gießkanne und sorgte dafür, dass es ihrer Tanne gutging. Die Vögel liebten sie, suchten Futter und bauten Nester in ihr.
Der Mann und die Frau wurden älter und zogen weg. Dafür zog ein junger Mann ein und etwas später spielten Kinder zu Füßen der Tanne.
„Der Baum wird zu hoch“, meinte der Mann.
Die Tanne zitterte vor Angst.
„Ich weiß, aber ich liebe diesen Baum. Er ist herrlich gewachsen und gesund. Wir lassen ihn noch stehen.“
Im Winter kurz vor der Sonnenwende kam Sturm auf. Er heulte ums Haus und rüttelte an den Bäumen.
Die Tanne stand fest verwurzelt. Nur ihre jungen Äste bogen sich im Wind. Dagegen wankte neben ihr die Himalaya-Zeder. Ab und zu knackte sie gefährlich. Der Tanne war schon im Sommer aufgefallen, dass ihre Gefährtin sich nicht mehr so wohl fühlte. Ihr fehlte die Heimat und die hiesige Kälte hasste sie.
Als der Sturm stärker wurde, flogen Gießkanne und Sandkasteneimer der Kinder durch den Garten. Dann kippte die Wäschespinne um. Die Frau kam gelaufen und sammelte die einzelnen Teile ein und brachte sie in den Keller. Schließlich kehrte sie zurück und kämpfte mit der verbogenen Wäschespinne.
Die Himalaya-Zeder knackte lauter. Sie ächzte und stöhnte laut. Eine starke Böe erfasste sie und brach ihr das Rückgrat. Sie würde geradewegs auf die Frau fallen. Da ließ die Tanne locker, neigte sich und fing die Kameradin mit ihren Zweigen und dem oberen Teil des Stammes ab.
Schreiend flüchtete die Frau, bevor beide Bäume krachend zu Boden gingen.
Am nächsten Tag herrschte Windstille. Das junge Paar betrachtete die beiden umgestürzten Bäume.
„Meine Tanne.“ Die Frau kniete sich hin und strich sanft über die Zweige.
„Sie hat die Wucht der Zeder aufgefangen. Wenn sie nicht da gestanden hätte, wärst du erschlagen worden.“
Sie nickte.
„Wir können sie doch noch als Tannenbaum nehmen“, schlug der Mann vor.
Die Frau lächelte unter Tränen. „Das wollte mein Vater schon vor Jahrzehnten.“
Noch nie hatte der Baum so viel Aufmerksamkeit erhalten, wie zu diesem Weihnachtsfest. Der heil gebliebene Baumwipfel stand in der Wohnzimmerecke und spiegelte sich in den bunten Glaskugeln, die ihn schmückten. Kerzen setzen ihn ins rechte Licht. Zu seinen Füßen lagen die hübsch verpackten Geschenke. Später saßen die Kinder dort und spielten mit ihrem neuen Spielzeug. Liebevoll betrachtete die Tanne sie. Ihre eigenen Kinder hatte sie nie gesehen. Vögel hatten ihre Samen fortgetragen.
Sie genoss es, einmal im Mittelpunkt zu stehen und von allen geliebt zu werden.
© Aileen O‘Grian