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aileenogrian.overblog.com

Autorin von Science Fiction und Fantasy

Tanz des Besens

Fröhlich trällerte Ira vor sich hin. Bald würden ihre Freunde zu ihrem Sommerfest kommen. Sie hatte das Essen schon vorbereitet und die Wohnung aufgeräumt, jetzt fegte sie in aller Ruhe ihren großen Balkon. Sie schob Tisch und Stühle zur Seite, griff sich ihren neuen Besen und wirbelte herum. Der Besen lag gut in der Hand und reinigte besser, als Ira erwartet hatte. Sie hatte ihn vorige Woche auf dem mittelalterlichen Markt der Nachbarstadt gekauft. Eigentlich brauchte sie keinen Besen, aber er gefiel ihr. Er war rund, aus Birkenreisern gebunden, wie ihr die Marktfrau versichert hatte.
Ira sang eine alte keltische Weise und tanzte dazu. Sie lehnte den Besen an die Wand und schob die Möbel zurück. Als sie sich umdrehte, traute sie ihren Augen nicht. Der Besen stand nicht mehr brav an der Wand, sondern fegte im Rhythmus des Liedes über den Balkon. Als Ira erstaunt schwieg, blieb er stehen. Als sie ein weiteres Lied anstimmte, setzte er sich wieder in Bewegung. Im Nu war der Balkon sauber. Der Besen drehte sich im Kreis, wiegte sich im Takt, tanzte und hob ab. Höher und immer höher stieg er.
„Hey, komm zurück“, rief Ira erschrocken.
Der Besen zögerte und sackte ab. Ira schaute nach unten. Der Besen fiel auf den Wochenmarkt mit den vielen Einkäufern. Hastig sang Ira weiter. Der Besen stieg wieder höher und tanzte zwischen den Wolken. Bald verlor Ira ihn aus den Augen. Immer weiter singend wischte sie die Möbel ab, stellte Getränke bereit und Windlichter auf.
Als die ersten Gäste klingelten, verstummte sie. Schließlich konnte sie nicht den ganzen Nachmittag und Abend weiter singen. Wer weiß, wohin der Besen fliegen würde. Bis nach Amerika? Ira kicherte. Sie war doch für dieses blöde Ding nicht verantwortlich.
Sie hörte ihre Gäste die Treppe heraufsteigen. Die Stimmen kamen immer näher. Vier Etagen in dem alten Haus mussten sie laufen, das dauerte.
„Hallo, Ira“, sagte Bernd und überreichte ihr einen Blumenstrauß. Annika stand hinter ihm und schnappte nach Luft. Sie stützte sich auf einen Besen ab.
„Ist das deiner? Du hattest ihn doch letzte Woche auf dem Markt gekauft?“, fragte Annika und hielt Ira den Besen hin.
„Warst du so im Stress, dass du nach dem Fegen deinen Besen vergessen hast? Oder ist es beginnende Alzheimer?“, stichelte Bernd.
„Alzheimer.“ Nachdenklich betrachtete Ira ihren Besen. „Wo hast du ihn gefunden?“
„Neben der Haustür, du hast ihn wohl angelehnt, nachdem du den Bürgersteig gefegt hattest.“
„Seit wann bist du so spießig und kümmerst dich um den Fußweg?“, fragte Bernd.
Aber Ira hörte gar nicht mehr zu. Sie rannte zum Balkon und schaute hinab auf die Straße. Tatsächlich, die Papierfetzen, die seit Tagen vor der Tür gelegen hatten, waren weg.

©Aileen O‘Grian

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