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aileenogrian.overblog.com

Autorin von Science Fiction und Fantasy

Spinnenphobie



Seit frühester Kindheit litt Miriam unter einer Spinnenphobie. Die Tiere konnten noch so klein sein. Sie entdeckte sie schon aus weiter Entfernung und forderte ihre Mitmenschen auf, ihr beizustehen. Als Kind sorgten Mutter und Vater für eine spinnenfreie Umgebung. Später sorgten Freunde dafür. Einmal hielt ihr eine Klassenkameradin eine Spinne, die sich gerade an ihrem Faden abseilte, unter die Nase.
Miriam sah nur noch die Spinne. Vor ihren Augen wurde sie immer größer und größer. Jeder andere hätte sie mit einer Handbewegung weggewischt. Aber sie saß wie erstarrt vor diesem Untier und brauchte eine Ewigkeit, um Kraft zum Schreien zu finden. Dann aber kreischte sie so laut und lange, dass der Lehrer den Unterricht unterbrechen musste und auch nicht mehr fortfahren konnte. Miriam war nicht in der Lage, auf die Menschen um sie herum zu reagieren. Ihre besorgten Fragen hörte sie nicht. Schließlich wurde ihre Mutter gerufen, die sie nach Hause brachte.
Am nächsten Tag bekamen beide Mädchen eine saftige Strafarbeit. Und ihre Eltern erhielten eine Einladung zu einem Elterngespräch. Dort wurde ihnen dringend eine Therapie für ihre Tochter vorgeschlagen. Da sich Miriam beharrlich weigerte, zu einem Verhaltenstherapeuten zu gehen, übernahm ihr Mann Michael ein paar Jahre später die Aufgabe, die Wohnung insekten- und spinnenfrei zu halten. Vorsorglich zogen sie in den vierzehnten Stock eines Hochhauses. Regelmäßig sprühte Michael alle Räume mit Insektentot ein.
„Ich muss eine Woche nach Frankreich“, erzählte er ihr an einem Abend bei einem Glas Wein.
„Und wer kümmert sich um mich, wenn ich wieder einen Zustand bekomme?“
Er blickte sie liebevoll an. „Ich sprühe vorher noch einmal jeden Winkel aus. Hier lässt sich kein Tier blicken.“
„Nein, ich kann nicht alleine bleiben“, sagte Miriam störrisch.
„Dann ziehe zu deinen Eltern. Ich dachte, du freust dich, dass ich einen verantwortungsvolleren Posten bekommen habe.“
Immerhin sprach Miriam mit ihrem Hausarzt über das Problem, und er verschrieb ihr Beruhigungstabletten. Dank des Mittels sah sie Michaels Reise halbwegs gelassen entgegen. Trotz ihrer Befürchtungen schlief sie in der Woche gut und ging pünktlich zur Arbeit.
In der letzten Nacht träumte sie schlecht. Sie sah Michael in den Armen einer anderen Frau. Ihr Michael! Schweißgebadet wachte sie auf und blickte direkt in die acht Augen einer riesigen Spinne. Verschreckt kniff sie die Lider zusammen.
„Miriam, Spinnen sind nicht so groß, das ist nur ein Albtraum. Reiß dich zusammen. Wenn es wirklich eine Spinne gibt, ist sie höchstens ein paar Millimeter groß. Atme tief durch und greif nach dem Insektenspray auf dem Nachtisch.“
Sie zwang sich die Augen wieder zu öffnen. Die Spinne saß im Mondschein vor dem Fenster und blickte sie unentwegt an. Mit zitternden Händen griff Miriam nach der Dose. Es sah aus, als ob die Spinne grinsen würde. Sie erhob und näherte sich. Noch bevor Miriam die Dose in der Hand hielt, stand sie vor dem Bett. Riesengroß überragte sie die Liegende. Hastig zog Miriam die Dose an sich. Griff mit der zweiten Hand zu, um die Kappe abzuziehen. Doch die Spinne packte sie mit ihren Kieferklauen, hielt sie fest und spann einen klebrigen Faden. Dazu rollte sie Miriam zwischen ihren Beinen herum. Miriam kam nicht mehr dazu, den Deckel zu öffnen. Ihre Arme wurden eng an ihren Körper gepresst. Immer schneller drehte die Spinne sie. Ihr wurde schwindelig. Endlich hörte die Dreherei auf. Sie bekam kaum noch Luft, als sie sich zwang, die Augen zu öffnen. Wo ihre Arme, ihr Brust gewesen waren, befand sich eine graue Masse, wie die Binden einer Mumie. Sie fühlte sich beobachtet. Obwohl sie es nicht wollte, zwang eine Macht sie, ihren Blick zu heben. Der Kopf der Spinne befand sich direkt über ihr. Die Augen fixierten sie. Das Maul grinste. Einen Augenblick kostete die Spinne ihre Stärke aus. Dann öffnete sie ihr Maul. Diesmal konnte Miriam nicht mehr schreien.

© Aileen O‘Grian

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