Overblog
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
aileenogrian.overblog.com

Autorin von Science Fiction und Fantasy

Soziale Verantwortung


„Na, Lorenz, wie klappt das Fräsen denn?“, fragte Dirk Schönfeld. Er machte seinen gewohnten Rundgang durch seinen Betrieb. Der direkte Kontakt zu seinen Mitarbeitern war ihm wichtig.
„Och, es geht“, stotterte Lorenz.
„Der Lorenz hat geschickte Hände, der wird mal ein sehr guter Schlosser“, erklärte der Meister.
„Aber die Schule! Mir fällt das Lernen so schwer. Ich war doch nur auf der Sonderschule.“ Lorenz lief rot an.
„Da helfen wir dir. Deshalb hast du doch zweimal in der Woche noch die interne Schulung. Und wenn du vor der Prüfung immer noch Probleme hast, üben wir den ganzen Tag mit dir. Bisher hat bei uns jeder die Prüfung geschafft.“ Dirk nickte Lorenz aufmunternd zu. Schüchtern lächelte Lorenz.
Im Versand stauten sich die Bestellungen. Kurz vor den Feiertagen wollten noch alle schnell Geräte kaufen. Selbstverständlich stellte Dirk sich dazu und half beim Packen, bis der größte Rückstand abgetragen war.
„Wir machen heute Abend etwas länger“, boten zwei Packerinnen an.
„Das ist gut, danke!“, erwiderte Dirk.
„Herr Schönfeld, Frau Merkens aus dem Lager betreut nebenbei ihre pflegebedürftige Mutter. Wenn wir nichts unternehmen, wird sie krank, weil sie überarbeitet ist“, sprach die Personalassistentin Margitta Brand ihn an.
„Würde es ihr helfen, wenn sie täglich eine Stunde weniger arbeitet?“
„Das wollte ich gerade vorschlagen, aber sie ist neu und hat keine Reserven auf ihrem Zeitkonto.“
„Geben Sie ihr trotzdem frei. Irgendwann wird sie ihr Konto schon ausgleichen“, meinte Dirk und setzte seine Runde fort. Im Flur traf er seine PR-Managerin.
„Frau Hillemann, welche Laus ist Ihnen heute über die Leber gelaufen?“, fragte Dirk.
„Unser Sohn ist krank. Mein Mann hat heute mit einer Kollegin seinen Dienst getauscht, aber morgen muss er tagsüber arbeiten. Er hat schon überall versucht, einen Babysitter zu bekommen, aber es ist unmöglich.“
Dirk legte seine Stirn in Falten.
„Hm, ich kann Sie jetzt unmöglich entbehren. Sagen Sie Ihrem Sohn, er soll sich das nächste Mal einen besseren Termin aussuchen. Aber vielleicht finden wir einen Babysitter.... Unser Betriebskindergarten hat doch ein paar Springer für Notfälle. Vielleicht können die aushelfen. Sprechen Sie Frau Brand an, die soll sich darum kümmern. Es tut mir Leid, dass ich Ihnen nicht freigeben kann“, entschuldigte sich Dirk.
Dann ging er weiter in die Rechnungsabteilung.
„Herr Schönfeld, wir haben ein besonders gutes Jahr gehabt. Die Mitarbeiter erhalten aus ihrer Umsatzbeteiligung einen stattlichen Betrag.“ Der Buchhaltungschef zeigte ihm die vorläufige Abrechnung.
„Sie haben Recht. So erfolgreich waren wir noch nie. Was halten Sie von einer zusätzlichen Gratifikation für alle“, schlug Dirk vor.
Der Buchhaltungschef machte ein bedenkliches Gesicht. „Sollten wir nicht lieber Rücklagen bilden? Außerdem stehen neue Energiesparmaßnahmen für die Betriebswohnungen im nächsten Jahr an. Und wir erhalten doch sowieso unsere Umsatzbeteiligung.“
Dirk prüfte die Abrechnung.
„Dafür reicht es. Schließlich haben alle den Gewinn erwirtschaftet und es erhöht die Motivation. Bei uns fühlt sich jeder für die Firma verantwortlich, daher sind wir so erfolgreich. Wir haben eine überdurchschnittliche Produktivität und den geringsten Krankenstand in der Branche. Unser Betriebsklima ist sehr gut. Und das soll so bleiben. Ich will meine Leute nicht verheizen, sie sollen gesund und zufrieden bleiben. Unsere Mitarbeiter sind unser größtes Kapital.“ Zufrieden schaute sich Dirk um.

© Aileen O‘Grian

Diesen Post teilen
Repost0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post