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aileenogrian.overblog.com

Autorin von Science Fiction und Fantasy

Schwangerschaftsplanung


Der Standesamtsarzt sah von Ullis Laborzettel auf. Er sah sehr ernst aus. „Es tut mir leid, aber mit dem von Ihnen ausgewählten Partner dürfen Sie keine Kinder haben.“
Ulli sank auf dem Stuhl zusammen. Sie liebte Paul und wollte ihn heiraten und unbedingt Kinder von ihm haben.
„Gibt es keine Möglichkeit? Können die Embryos nicht schon behandelt werden?“
Der Arzt schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich habe in unserer Stadt drei Kandidaten gefunden, die genetisch wunderbar zu Ihnen passen. Einer wohnt ganz in Ihrer Nähe, soll ich Ihnen die Adresse geben?“
Ulli schluckte. „Ich kenne ihn doch gar nicht. Außerdem habe ich meinen Partner schon ausgesucht.“
Der Arzt schlug mit der Faust auf den Tisch. „Diese altmodische Sitte, sich einen Partner auszusuchen. Können Sie nicht gleich nach der Schule zu uns kommen und sich beraten lassen? Wir planen für Sie eine auf Sie maßgeschneiderte Karriere und suchen den passenden Partner. Zu dem frühen Zeitpunkt können wir die beiden Berufsbilder noch aufeinander abstimmen.“ Böse funkelte er sie an.
Ulli rutschte noch tiefer in den Stuhl. Natürlich war sie nach der Schule zur Beratung gegangen. Aber sie hatte den heißen Wunsch Pianistin zu werden. Jahrelang hatte sie darauf hingearbeitet, täglich stundenlang geübt. Die Männer, die ihr die Beratung damals vorgeschlagen hatte, waren ein Maurer und ein Schlachter gewesen. Beide zeigten keinerlei musisches Interesse und die Beratung wollte aus ihr eine Schlachtereiverkäuferin machen.
Und jetzt durfte sie ihren geliebten Paul, einen Dirigenten, nicht heiraten. Tränen traten in ihre Augen.
„Einer der Kandidaten ist Architekt. Der andere selbständiger Schlachter.“
Ulli schluckte.
„Der Architekt würde Ihren intellektuellen Ansprüchen genügen. Perfekt passt kein Partner je zu einem. Diese Märchen sollten Sie doch entlarven können.“
„Aber ich muss mich doch geistig austauschen können.“
Der Arzt seufzte. „Ach Kindchen, meine Frau wollte Journalistin werden und im Ausland arbeiten. Mir zuliebe ist sie Krankenschwester geworden. Wir sind mit unseren drei Kindern sehr glücklich.“
Ulli konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. „Ich will mit Paul leben. So oder so.“
„Sie dürfen sich erst sterilisieren lassen, wenn Sie Ihre Fortpflanzungspflicht erfüllt haben.“ Er sprach jetzt sehr sachlich. „Passt Ihnen eine künstliche Befruchtung zum nächsten Eisprung? Oder sollen wir noch ein Vierteljahr warten?“ Er musterte sie ernst. „Sehr viel Zeit haben Sie nicht mehr. Sie sind schon hart an der Grenze. Außerdem sollten Sie die ganze Geschichte schnell hinter sich bringen, damit Sie Ihren Paul bald heiraten können.“
Ulli wischte sich mit den Händen die Tränen ab, dann zog sie ein Taschentuch aus der Tasche und schnaubte sich.
„Geht ...“ Ihre Stimme war so belegt, dass sie unverständlich klang. Sie räusperte sich. „Geht eine Mehrlingsschwangerschaft?“


© Aileen O’Grian

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