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Autorin von Science Fiction und Fantasy

Herrliche Kindheit


Wie üblich hetzte ich von der Arbeit zum Kindergarten und dann mit Henrik im Schlepptau durch den Supermarkt.
Der Vormittag war anstrengend gewesen. Meine Kollegin, die alte Frau Tornow, hatte nur herumgemeckert. Wahrscheinlich hatte sie sich wieder einmal mit ihrem Mann Ehestreit und ließ ihre schlechte Laune nun an uns aus. Und mein Chef pfiff mich an, weil das Geschäft mit Firma Schneider geplatzt war. Dabei konnte ich wirklich nichts dafür, dass wir nicht schnell genug liefern konnten. Aber mein Chef meinte, es wäre mein persönliches Versagen.
Als wir nach Hause kamen, stand Nicola schon vor der Tür. In der Schule war wie so oft eine Stunde ausgefallen. Natürlich brannte mir das Mittagessen an, an so einem Tag geht halt alles schief.
Am Nachmittag stürzte Nicola beim Fahrradfahren und verletzte sich am Kopf. So fuhr ich mit beiden Kindern ins Krankenhaus, um die Platzwunde nähen zu lassen. Zwei Stunden warteten wir, da mehrere dringendere Fälle vorgeschoben wurden.
Zu Hause wischte ich schnell die Küche und den Flur. Tapsig wie Nicola heute war, trat sie in den Eimer, und ich durfte zehn Liter Wasser aufwischen. Inzwischen hatte Henrik seinen Kleiderschrank leergefegt. Stumm vor Wut sammelte ich die Wäsche wieder ein.
„Ich habe mich mit Bernd zum Tennis verabredet. Hast du meinen Anzug aus der Wäscherei geholt?“, fragte mein Mann und steckte seinen Kopf zur Tür herein.
„Wie denn? Ich kann mich nicht teilen“, fauchte ich zurück.
Also musste ich heute Abend auch noch die Kinder allein ins Bett bringen. Normalerweise machte Detlev es.
Als endlich Ruhe einkehrte, legte ich mich erschöpft auf das Sofa. Eigentlich hätte ich noch bügeln müssen.
Wie gut hatten es die Kinder. Alles wurde für sie erledigt. Sie brauchten sich um nichts zu kümmern oder Sorgen zu machen. Müde dämmerte ich ein und träumte wieder Kind zu sein und über Wiesen zu laufen, Blumen zu pflücken und Kränze zu flechten. Leicht und frei fühlte ich mich.
„Irene, wo bist du?“, rief Detlev.
Verwirrte zwinkerte ich mit den Augen. War ich doch tatsächlich eingeschlafen. Detlev lief durch die Wohnung und öffnete sämtliche Türen, dann kam er ins Wohnzimmer.
„Wer bist du denn?“, fragte er mich nicht gerade begeistert.
„Was soll der Blödsinn. Ich bin wirklich erschöpft“, antwortete ich patzig und erschrak. Die Stimme klang so fremd.
„Ich habe gefragt, wer du bist“, knurrte Detlev. Er konnte sich offensichtlich nur noch schwer beherrschen.
„Ich bin doch Irene“, stammelte ich piepsig und schaute mir meine Hände an. Wie klein und niedlich waren sie!
Erstaunt sprang ich auf und lief zum Spiegel. Aber ich konnte nicht hineinsehen. Ich musste mühsam einen Stuhl heranschleifen und hinaufklettern. Entsetzt erblickte ich im Spiegel ein kleines, rundes Kindergesicht.

© Aileen O‘Grian

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