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Autorin von Science Fiction und Fantasy

Die Spitzenschuhe der berühmten Primaballerina

„Wenn du dich nicht mehr anstrengst, wirst du nie eine Tänzerin.“ Olga schaute Cynthia streng an. Dabei gab sich das Mädchen doch solche Mühe. Ihre Füße schmerzten schon seit Stunden, ihre Muskeln zitterten.

„Du nimmst es nicht ernst genug. Wenn du es wirklich willst, musst du Opfer bringen. Dann kannst du nicht mit deinen Freunden abends ausgehen. Und kommst mit fünf Stunden Schlaf aus, damit du für die Schule lernst und sie schaffst.“

Cynthia ließ den Kopf hängen. Wie viel Streit hatte sie seit Jahren mit ihren Eltern, weil sie die Schule für das Tanzen vernachlässigte. Aber Olga reichte es noch nicht. Dabei war sie begabt. Cynthia war sich ganz sicher. Von klein auf hatten die anderen Mädchen aus ihren Gruppen sie stets bewundert, weil sie alles so schnell und präzise lernte. Immer wieder war sie in fortgeschrittenere Gruppen befördert worden. In bessere Ballettschulen, bis sie jetzt bei Olga gelandet war. Olgas Schüler waren die besten. Ihnen standen die großen Bühnen der Welt offen. Allerdings schafften es nur wenige, vor ihren Augen Gnade zu finden.

Cynthia hatte sie auf Bitten ihrer letzten Lehrerin aufgenommen. Nur der Hinweis, dass das Mädchen fleißig wäre und dadurch vieles ausgleichen konnte, hatte sie erweichen können.

Während die anderen sich duschten und umzogen, übte Cynthia alleine in einer Ecke weiter, während Olga ihre Meisterschüler unterrichtete. Wie sehr sehnte sich Cynthia, dazuzugehören. Chance auf die sagenhaften Ballettschuhe zu haben, die in Olgas Vitrine standen.

Den Gerüchten nach solle man mit ihnen wie von selbst tanzen. Und Olga hätte sie in Verwahrung, um sie ihrer besten Schülerin zu übergeben.

Schuhe, mit denen man von alleine tanzen konnte. Wie wunderbar. Cynthia zog ihre Schuhe aus und massierte ihre schmerzenden Füße. Ob die dann nicht mehr schmerzen würden?

Als sie von der Dusche kam, stand Olgas Spind offen. Ebenso ihre Tasche. Heraus lugte ein Schlüsselbund.

Cynthia sah sich um. Sie war allein. Aus dem Saal hörte sie Olgas Stimme. Hastig zog sie die Schlüssel heraus. Dann hielt sie den Atem an. Alles war still, bis auf die Stimmen aus dem Saal. Schnell schlüpfte sie aus dem Umkleideraum, rannte die Treppe hoch. Vorbei an den Schulräumen in der ersten Etage, an den Hauswirtschaftsräumen in der zweiten Etage, bis sie im dritten Stock vor Olgas Wohnungstür stand.

Der Schlüssel passte. Lautlos öffnete sich die Tür. Cynthia huschte hinein, zog die Tür hinter sich zu. Die zweite Tür war das Wohnzimmer. An der Wand gegenüber vom Fenster stand eine alte Vitrine. Genau in Augenhöhe lagen die wunderschönen Spitzenschuhe.

Mit zitternden Fingern probierte sie die Schlüssel, bis sie den richtigen gefunden hatte. Knirschend drehte sich das Schloss. Cynthia musste kräftig ziehen, um die Tür zu öffnen.

Ehrfurchtsvoll schaute sie die Schuhe an. Hatte nicht die berühmte russische Tänzerin Ekatarina diese Schuhe getragen? Elfengleich wurde sie genannt. Keine irdische Frau könne so göttlich tanzen.

Endlich löste sich Cynthia aus ihrer Erstarrung, griff nach den Schuhen. Erschrocken zuckte sie zurück. Dann lachte sie. Einbildung. Die Schuhe standen garantiert nicht unter Strom. Olga würde nie so eine technische Sicherung einbauen. Beherzt griff Cynthia nach dem Kleinod, setzte sich auf das alte Biedermeier-Sofa, schlüpfte hinein und band es sorgfältig zu.

Kaum waren die Schuhe geschnürt, zuckten ihre Füße. Cynthia sprang hoch und gleich auf die Zehenspitzen. Graziös trippelte sie seitwärts, sprang und drehte sich. Die Dielen knarrten, die Gläser im Schrank klirrten. Der Kronleuchter schwankte bedenklich. Doch Cynthia bemerkte nichts von alledem. Sie war in ihrem Element. Noch nie in ihrem Leben hatte sie in solch einer Perfektion getanzt. Es schien, als wäre sie schwerlos.

Sie tanzte alle Figuren, die sie kannte. Ihre Rolle aus dem Weihnachtsmärchen. Dann die der Vorführung vor zwei Jahren. Die Erinnerungen kamen hoch. Sämtliche Stücke, die sie gelernt hatte, fielen ihr wieder ein und sogleich tanzte sie sie.

Ihr Atem ging schwer, die Muskeln schmerzten, dann zitterten sie. Doch sobald sie sich setzen wollte, zwangen ihre Füße sie, weiterzumachen.

Sie kämpfte dagegen an. Doch es war vergeblich. Als ob eine fremde Macht sie zwang, konnte sie nicht aufhören. Tränen liefen ihre Wangen herab. Ihr Atem ging stoßweise, ihr schwindelte. Doch noch immer bewegten sich die Füße gegen ihren Willen.

Durch Nebel sah sie mehrere Personen auf sie zu treten. Wie durch Watte hörte sie Olga sagen. „Kind, was hast du angestellt? Cynthia, hör auf. Hör sofort auf!“

Noch bevor Olga sie erreichte, fiel sie in ein bodenloses, schwarzes Loch.

©Aileen O‘Grian

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S
Nicely written! It was hard to find these shoes in stock anywhere so i was just happy to get a pair. These shoes were perfect. It did hurt a bit because I could feel the circle spinning disk. Thank you.
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