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Autorin von Science Fiction und Fantasy

Die anspruchslose Kundin


Die Veränderung geschah zwei Monate vor Weihnachten. Ich wollte für meine Nichte Teller kaufen. Im Porzellangeschäft herrschte reger Betrieb. Eifrig eilten Verkäuferinnen hin und her. Ich fand das gewünschte Service schnell, jetzt benötigte ich nur noch eine Bedienung. Hilfesuchend sah ich mich um, fand aber niemanden.
Als endlich eine Verkäuferin nahte, rief ich: „Können Sie mir helfen?“
Aber ein anderer Kunde nahm sie beim Arm und führte sie weg. Wieder wartete ich vergeblich. Ich ging in den Hauptgang zurück und suchte Personal.
Nach längerem Warten hastete eine Verkäuferin vorbei, die ich um Hilfe bat.
„Ich habe zu tun, aber ich bin gleich wieder da“, versprach sie und lief davon.
Geduldig stellte ich mich neben die großen Porzellanfiguren und wartete. Aber die Frau kam nicht mehr zurück.
Als alleinstehende Rentnerin habe ich Zeit, und ich verstand den Stress der Verkäuferinnen. Schließlich können sie nicht überall gleichzeitig sein. Also wartete ich friedlich, bis jemand Zeit für mich hätte. Mehrmals wurde mir Hilfe versprochen, doch nie kamen die Damen zurück. Es wurde später und später, draußen war es schon längst dunkel. Der Laden leerte sich immer mehr. Dann war ich alleine und das Licht dunkelte ab.
Ich stand neben dem Hauptgang bei den Porzellanfiguren und wartete.
Auch am nächsten Tag herrschte Hektik und keine Verkäuferin fand Zeit für mich. Aber Weihnachten war noch lange hin. Wieder wurde es Abend und leer und dunkel im Laden.
Ich stand neben dem Hauptgang bei den Porzellanfiguren und wartete.
Die Tage wiederholten sich, es wurde immer hektischer im Geschäft. Und ich wurde immer stiller. Schließlich wartete ich nur noch. Worauf eigentlich? Ich konnte mich nicht mehr erinnern. Und ich konnte mich nicht mehr rühren.
Zwei Tage vor Weihnachten kam eine junge Frau mit einem Kind.
„Mama, was ist das?“, fragte die Kleine und zeigte auf mich.
„Eine Schaufensterpuppe, die steht schon ewig da“, antwortete eine Verkäuferin.
Die Mutter kam näher und schaute mich prüfend an. „Das ist aber eine komische Schaufensterpuppe. Die sieht eher wie ein Mensch aus. Aber die Haut ist so runzelig, wie ausgetrocknet“, sagte sie.
Jetzt schaute auch die Verkäuferin auf. Nach einer eingehenden Musterung lief sie weg und holte ihre Chefin, die holte wiederum nach einer Untersuchung den Geschäftsführer. Um mich herum bildete sich eine Menschenansammlung. Bis schließlich die Polizei die Fläche räumen ließ, damit der Notarzt Platz hatte.
Der Mediziner zuckte die Achseln und ließ mich zum gerichtsmedizinischen Institut bringen. Nachdem feststand, dass ich keinem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen war, wurde ich der Universität für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung gestellt.
Tagelang berichtete die Presse über das Phänomen der natürlichen Mumifizierung. Die einzige Erklärung dafür war die trockene Kaufhausluft. Ich staunte, wie viele Menschen mich auf einmal beachteten.

© Aileen O‘Grian

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