Overblog
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
aileenogrian.overblog.com

Autorin von Science Fiction und Fantasy

Adoptivmama


Es lag so hilflos im Busch versteckt. Ein kleines gelb-schwarz gestreiftes Kätzchen. Ihr Mutterinstinkt erwachte sofort. So ein kleines Baby hätte sie auch gern selbst gehabt. Aber bisher hatte ihr immer der passende Partner dazu gefehlt. Als das Katzenbaby einen halben Tag später immer noch so allein unter dem Busch lag, beschloss sie, es mitzunehmen. Sicher war der Mutter etwas passiert. Und das Kleine würde ohne ihre Hilfe verhungern.
Sie lief vorsichtig, immer wieder witternd zu dem Kind. Dann leckte sie es vorsichtig ab. Das Kleine jammerte. Also legte sie sich hin und ließ es an ihren Zitzen saugen. Natürlich kam da keine Milch. Sie musste sich etwas einfallen lassen. Erst einmal packte sie das Baby am Nacken und trug es in ihr Versteck unter der Veranda. Dann suchte sie nach Nahrung. Da, die Maus. Mit etwas Glück erwischte sie die Maus und biss sie tot. Dann schleppte sie sie zu dem Baby. Das roch daran, fiepte jämmerlich, fraß aber nicht. Wieder legte sie sich hin und ließ das Kleine saugen. Sie musste den Braten wohl erst vorkauen. Mit verächtlichem Blick schlang sie die Maus und kaute so lange sie konnte, darauf herum, dann spuckte sie das Ganze aus, froh die Maus wieder los zu sein. Tatsächlich stürzte sich das Baby auf den durchgekauten Brei. Sie schüttelte sich. In besseren Tagen hatte sie aus einem silbernen Schüsselchen gespeist. Und dieser kleiner Racker fraß so etwas Widerliches.
Sie blieben bei dieser Methode. Sie säugte das Baby, dann fing sie ein kleines Tier, kaute es vor und spie es wieder aus. Später leckte sie den Bauch des Babys, massierte ihn. Bekam sie Hunger, lief sie zu den Nachbarn und bettelte. Die gutmütigen Leute gaben ihr immer etwas.
So plätscherte das Leben dahin. Das Baby wuchs und gedieh, dank der Muttermilch, die sich tatsächlich irgendwann einstellte und dank der Mäuse und Ratten, die seine Adoptivmama fing. Es spielte Fangen mit seinem Schwanz, mit Schmetterlingen und dem Schatten eines Busches. Es lag auf Lauer und sprang seine Mama an, die an dem Schrecken fast starb. Jagen, anschleichen, losspringen und die Beute reißen, konnte die Mama ihm nicht beibringen. Und die paar Mäuse und Ratten, die sie anbrachte, reichte auch nicht mehr, um satt zu werden. Also versuchte sich das Junge selbst daran. Und weil der Hunger zur Hartnäckigkeit zwang, war es bald auch recht erfolgreich.
Eines Tages fuhr ein Auto bei ihnen vor. Das Junge versteckte sich vor Angst. Die Mama hingegen lief aufgeregt bellend und schwanzwedelnd den aussteigenden Menschen entgegen.
„Lebt die alte Gifttöle deiner Großmutter immer noch?“, sagte der große Mann.
„Sie hat das Viech vergöttert. Der Pudel hat einen ellenlangen Stammbaum.“
Die Hündin sprang vor Freude an dem Mann hoch. Er schüttelte sie ab und trat, so dass sie in einem großen Bogen auf die Veranda flog und sich das Genick brach.
In dem Augenblick sprang das Junge hinter dem Busch hervor und auf den Mann zu. Erstarrt blieb er stehen.
„Ein Tiger!“, kreischte die Frau, bevor das Junge, nach einem Biss durch die Kehle, auch sie niederriss

© Aileen O‘Grian

Diesen Post teilen
Repost0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post