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Autorin von Science Fiction und Fantasy

Mit der Zeit gehen

Beim Blick in ein Schaufenster grinste ihn ein Gerippe mit einer Sense spöttisch an. Er lachte scheppernd. Er musste wirklich mal wieder mit der Zeit gehen. Moderner werden. Na klar, ein paar Versuche hatte er schon unternommen. Aber das waren mehr oder weniger Eintagsfliegen gewesen.

Als Politiker, der das Feuer schürte, die Gewehre und Kanonen zum Sprechen brachte. Als Wissenschaftler, der Giftgas, Raketen, Atombomben entwickelte. Seine Lieblingsverkleidung in den letzten Jahren war der Liebhaber, der schöne Jüngling, gewesen. Frauen wie Männer hatte er verführt und Aids gebracht. Eine schöne Abwechslung im langweiligen Alltagsgeschäft.

Doch jetzt stand ihm der Sinn nach etwas Neuem. Er betrachtete sein Spiegelbild mit wehmütigem Blick. Jahrhundertelang hatte ihm der Sensenmann treu gedient. Einst war er fortschrittlich, geradezu ökonomisch gewesen. Mit einem Streich konnte er mehrere Menschen ins Jenseits befördern. Damals waren Sensen gerade erst entwickelt worden. Aber heute war er nur noch altmodisch und unpraktisch. Ja, direkt lächerlich. Neulich hatte ihn ein kleines Kind in einem Hospiz begeistert begrüßt und gefragt, wo er das coole Kostüm gekauft hätte. So eins hätte es auch gern zum Fasching. Das war ihm noch nie widerfahren. Sonst schlotterten die Menschen vor ihm. Aber der Junge hatte gejuchzt und gelacht. Ein paar Tage später war er nach einer Spontanheilung entlassen worden.

Bei der ständig wachsenden Bevölkerungszahl musste er sich modernster Techniken bedienen. Selbst eine automatische Sense wäre viel langsamer als die steigenden Geburtenzahlen.

Er sah vom Berg auf die Riesenstadt hinunter. Hochhäuser, ab und zu gab es da Baumängel, dichtgedrängte Autos, auf die Todeszahlen war er stolz, dazwischen hasteten Fußgänger. Die Stressopfer unter den Städtern hatten die Infektionskrankheiten abgelöst. Aber er konnte doch nicht überall sein.

Zum Glück brauchte er bei vielen nichts tun. Sie kamen von sich aus. Er grinste selbstgefällig. Wie dumm sie waren. Er schaute in ein Fenster. Vater und Mutter quollen im Wohnzimmer aus den Sesseln. Sie sahen fern. Nebenbei stopften sie Pizza in sich hinein, spülten sie mit Bier hinunter. Im nächsten Zimmer lümmelte ihr Sohn auf dem Bett, den Mund voller Chips, die Limonadendose in der Hand. Da brauchte er nicht mehr viel zu tun. Nur einen Augenblick warten. Geduld hatte er genug, berufsbedingt. Den Jungen würde es als ersten erwischen, später den Vater, als letzte die Mutter. Sie waren schon jetzt Untote, redeten kaum miteinander, fühlten nichts mehr, aßen und tranken ohne Genuß. Ihren Tagesablauf richteten sie nach dem Fernsehprogramm aus. Besucher waren unerwünscht, störten nur.

Auf die süchtig-machenden TV-Strahlen war er besonders stolz. Für die Entwicklung hatte er lange gebraucht, sich schließlich der Hilfe eines Menschen bedient. Niemand konnte sie entdecken und messen. Sie wirkten langsamer als die Bakterien und Viren, verbreiteten auch nicht mehr Angst und Schrecken. Daher passen sie besser in die neue Zeit. Steril sollte alles sein, Fleisch und Fisch in blutleeren Blöcken, Sterben abseits im Krankenhaus, Krieg als Übertragung eines Videospiels. Nur noch wenige Menschen ergötzten sich an den Qualen eines Kranken oder Verletzten. Ausnahmen gab es natürlich immer, die fanden schon ihre Möglichkeiten. Selbst er, der Tod, hatte seinen Geschmack geändert, war ruhiger geworden. Sicherlich eine Alterserscheinung.

Er schaute in weitere Fenster des Hochhauses. Eine Familie spielte Karten, eine andere packte ihre Sporttasche. Wie erreichte er die Immunen? Mit noch grausameren Filmen? Sendungen aus dem Alltag? Ja, das war es. Menschen eingesperrt und aufeinander losgelassen! Etwas Schrecklicheres gab es nicht. Niemand mit Verstand würde sich so etwas anschauen. Aber die Menschen hatten keinen. Er würde so etwas produzieren und senden, um noch mehr zu infizieren.

Er zog sich Jeanshemd und - hose an, darüber eine Lederjacke. Auf dem Empfang heute Abend würde er Kontakte knüpfen, Geldgeber suchen, einen Sender, Mitarbeiter. Er brauchte wieder einmal etwas Neues, eine Herausforderung. Mit dem Teufel würde er wetten, dass er eines Tages mit der Flimmerkiste mehr umbrächte, als mit Aids und Krebs zusammen.

©Aileen O‘Grian

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