Overblog
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
aileenogrian.overblog.com

Autorin von Science Fiction und Fantasy

Ein Mann mit vielen Qualitäten

Leonie blieb stehen und wartete, bis ihr Atem wieder ruhiger ging. Sie hatte den Gipfel fast erreicht und genoss den schönen Ausblick. Für ihren Ausflug hatte sie einen guten Tag erwischt. Die Sonne schien und der Himmel war strahlend blau. Langsam stieg sie die letzten Meter hoch. Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht, den sagenhaften Wunschstein des Südgebirges. Angeblich ging jeder Wunsch, der auf ihm geäußert wurde in Erfüllung.

Erst einmal setzte sie sich auf einen kleineren Stein und ruhte sich aus. Als sie wieder zu Kräften gekommen war, getrunken und etwas von ihrem Proviant gegessen hatte, erhob sie sich und ließ sich auf dem großen Felsbrocken nieder, schaute ins Land und überlegte, wie sie ihren Wunsch formulieren sollte. Er musste sorgfältig überlegt sein, damit er nicht nach hinten losging. Seit Tagen grübelte sie schon darüber. Es sollte etwas Wichtiges im Leben sein, keine Banalität. Gesundheit? Zufriedenheit? Einen passenden Partner? Schließlich hatte sie sich für den Partner entschieden. Aber beim Aufstieg war ihr der Gedanke gekommen, dass sie ihn näher beschreiben musste, wenn der Wunsch erfolgreich sein sollte.

Sie dachte nach. Der Mann sollte attraktiv sein, damit ihr Herz entflammte und sportlich zum Wandern. Er sollte ihr etwas bieten können, beruflich erfolgreich sein, damit sie zu ihm aufblicken konnte. Sie wollte unbedingt heiraten und Kinder bekommen, also musste er zuverlässig und treu sein. Allein wollte sie auch nicht alles im Haushalt machen müssen, daher sollte er praktisch und gutmütig sein.

Leonie lachte, als ihr die vielen Wünsche bewusst wurden. Sie fand sich selbst reichlich anspruchsvoll und albern. Wenn die Erfüllung der Wünsche wirklich so einfach wäre ... Lächelnd erhob sie sich, schulterte den Rucksack und machte sich auf den Rückweg. Es war ein herrlicher Tag, auch ohne Traummann an ihrer Seite. Fröhlich singend stieg sie ins Auto und fuhr nach Hause.

Die Straße war zugeparkt. Nach langem Suchen fand sie endlich einen Parkplatz. Auf der Treppe zu ihrer Wohnung saßen eine Reihe fremder Männer. Sie erhoben sich, als Leonie näher kam. Ein hochgewachsener Schwarzhaariger, perfekt wie ein Model, trat auf sie zu: „Süße, ich habe auf dich gewartet, lass uns zur Party gehen.“

„Die Ausrüstung für den Sechstausender liegt im Auto.“ Der drahtige Kerl trug Lederhosen und Bergstiefel.

„Wir können sofort in die Karibik jetten. Die Yacht ist jederzeit zum Auslaufen bereit.“ Der gepflegte Grauhaarige mit der Designerkleidung überreichte ihr einen Strauß roter Rosen.

„Wir werden bei meinem Chef erwartet, zieh dich schnell um und schmink dich“, forderte der Anzugträger sie auf.

Leonie schob sich durch die Männer. Ein untersetzter Mann stand auf der letzten Stufe. „Wir sollten unbedingt einen Bausparvertrag abschließen, damit die Kinder im Grünen aufwachsen.“

Auf dem Absatz vor ihrer Tür wartete ein Mann im Schlabberpulli. „Ich habe schon mal die Hausordnung gemacht. Wenn du willst, putze ich dir gleich die Fenster.“

Nervös wanderte Leonies Blick von einem zum anderen. Sie kamen ihr alle irgendwie vertraut vor. Sechs Männer, für jedes Bedürfnis einer. Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.

©Aileen O‘Grian

Diesen Post teilen
Repost0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post